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Kirche mit Hoffnung

Editorial Januar/Februar

Weil es gut ist seine Wurzeln zu kennen - Die Geschichte der FEG in der Schweiz

Als FEG Effretikon gehören wir zur FEG Schweiz, ein Verband, der heute ca. 90 Gemeinden umfasst. Aber wie hat alles angefangen? Hier in kurzen Zügen ein Bericht, wie die ersten Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz entstanden sind. Ich verzichte darauf, die FEG-Geschichte bis in die heutige Zeit und über die Landesgrenzen hinaus nachzuzeichnen.

Réveil (Erweckung) in Genf

Die Ursprünge der Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz gehen an den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Der Rationalismus beherrschte Fakultäten und Kirchen. Die reformatorische Bibelgläubigkeit wurde verlassen und durch eine Religion der Vernunft ersetzt. Im Mai 1817 wurde in Genf, der Stadt des Reformators Calvin, den Pfarrern verboten, die biblischen Wahrheiten zu predigen, für die Johannes Calvin gekämpft hatte. Pfarrer César Malan, der trotz dem Verbot die evangelischen Wahrheiten verkündigte, erhielt Kanzelverbot. Er und weitere Männer gründeten daraufhin freie Gemeinden. So kam es zum «Réveil», der Genfer Erweckungsbewegung, die in den folgenden Jahren weitere Kreise zog und zur Gründung freikirchlicher, evangelischer Gemeinden führte.

Bern und Carl von Rodt

Bern war in einer ähnlichen kirchlichen Situation wie Genf. Carl von Rodt (1805-1861) der aus einer vornehmen Berner Patrizierfamilie stammte, wurde von der Erweckung (Réveil) in Genf erfasst. Aus innerer Überzeugung schloss er sich einer kleinen Gruppe in Bern an, die das Ziel hatte, eine von der Staatskirche unabhängige Gemeinde aufzubauen. Hauptsächliche Themen, bei denen man von der Linie der offiziellen Kirche abwich, waren Sünde, Verlorenheit ohne Bekehrung sowie die Frage, ob das Abendmahl an alle oder nur an Wiedergeborene auszuteilen sei. Die Gruppe, die sich «Eglise de Dieu» nannte, wurde 1828 ins Leben gerufen. Die bernische Regierung schritt ein Jahr später hart gegen diese Gruppe ein und verbannte unter anderem Carl von Rodt aus dem Kanton Bern.

Während der Verbannung hielt sich Carl von Rodt in Genf auf und lernte hier die führenden Männer der «Réveil» persönlich kennen. Er reiste dann weiter nach Paris und London, wo er die angelsächsische Erweckungsbewegung und ihre verschiedenen geistlichen Schwerpunkte kennenlernte. Von den Baptisten übernahm er die Erwachsenentaufe. Bei den Methodisten beeindruckte ihn besonders die gut ausgebaute Sonntagschularbeit. Er machte auch theologische Studien und liess sich aufgrund seiner Glaubensüberzeugung taufen.

Der politische Umschwung von 1831 garantierte in Bern Glaubens- und Gewissensfreiheit (für die ganze Eidgenossenschaft war es erst 1848 so weit). Nun kehrte von Rodt nach Bern zurück. Er begann mit einem evangelistischen Eifer in Bern und den umliegenden Städten und Dörfern vom Staat unabhängige Gemeinden zu gründen, die ab etwa 1850 «Freie Evangelische Gemeinde» genannt wurden. Während seines kurzen Lebens gründete er über 30 Gemeinden in der Westschweiz.

Durch persönliche Kontakte – weit über die Landesgrenzen hinaus – konnte Carl von Rodt, vor allem in Deutschland und Norwegen, die freikirchliche Bewegung stark mitprägen. Die Gemeinden, die aus seiner Arbeit hervorgegangen waren, schlossen sich 1877 vorübergehend zu einem Bund zusammen. 1910 wurde dann der bis heute bestehende «Bund der Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz» geschlossen. Heute treten wir unter dem Namen «FEG – Freie Evangelische Gemeinden in der Schweiz» auf.

Pionier in der Ostschweiz: Stephan Schlatter

In St. Gallen war der Apotheker Stephan Schlatter (1805-1880) eine wichtige Gründerfigur. Aufgrund des starken Liberalismus in der Staatskirche, gründete er 1837 die erste Freie Evangelische Gemeinde in St. Gallen. Die Gemeindeglieder litten oftmals unter Diskriminierungen, bis die neue Bundesverfassung 1848 auch ihnen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit garantierte.

Schlatter lernte Carl von Rodt aus Bern kennen und merkte, dass sie die gleichen Glaubensüberzeugungen teilten. Die Freie Evangelische Gemeinde St. Gallen schloss sich dann dem damaligen Bund FEG an und Schlatter half, weitere Gemeinden in der Ostschweiz zu gründen.

Pionier im Kanton Schaffhausen und in Winterthur: Johannes Winzeler

Nach einem Jahr Gefängnis wurde Johannes Winzeler (1815 – 1863) aus dem Kanton Bern verbannt. Er kehrte an seinen Geburtsort Barzheim (bei Thayngen) zurück. Er gründete die FEG in Winterthur und viele weitere, vor allem im Kanton Schaffhausen.

Zwang in St. Gallen

Aus der Gründungszeit der FEG St. Gallen wird berichtet, dass gegen Familien, die ihre Säuglinge nicht zur Taufe in die Kirche gebracht hatten, Zwang ausgeübt wurde. Die Kinder wurden unter Polizeibegleitung abgeholt und in die Linsenbühlkirche gebracht. Dort wurde durch den Pfarrer eine (Zwangs-) Taufe vorgenommen.

Verfolgung in Wilchingen

In Wilchingen verbot der Gemeinderat 1840 die Versammlungen der «Neutäufer». 1842 wurden alle 42 Teilnehmer einer Sonntagsversammlung verhaftet, darunter auch Johannes Winzeler. Jetzt kommt’s dick: Die Behörde verordnete Bussen (statt selber Busse zu tun … ! Anm. des Verfassers). Das Total der Bussen war höher als der Jahreslohn eines Arbeiters, d.h. pro Person wesentlich mehr als ein Wochenlohn eines Arbeiters. Doch es kommt noch dicker: Rückkehrer von einer Versammlung im benachbarten Rafzerfeld wurden wenig später aufgegriffen und vor dem Gemeindehaus in Wilchingen öffentlich ausgepeitscht.

Der Weg zu besseren Zeiten – und wie ein Leserbrief dazu beiträgt

Eine grundlegende Änderung für die junge Gemeinde bewirkte das Auftreten des nach Wilchingen zurückkehrenden Juristen Zacharias Gysel. Kaum wieder zu Hause, errang sich dieser «durch seinen Mut und mannhaftes Einstehen» für Verfolgte die Hochachtung seiner Mitbürger. Die «Neutäufer», «harmlose Leute, die niemandem Schaden zufügten», wurden von den Behörden bedrängt und bestraft. Am 28. Dezember 1842 erschien im «Schweizer Courier» eine Einsendung aus Wilchingen, die weites Aufsehen erregte. Mit flammenden Worten wandte sich Zacharias Gysel gegen die religiöse Intoleranz und scheute sich nicht, den Gemeindepräsidenten Nikolaus Gisel an den Pranger zu stellen, weil er Neutäufer vor dem Gemeindehaus hatte auspeitschen lassen. Die Glaubensfreiheit sei, so schrieb der junge Rechtsanwalt, die erste Stufe zur Freiheit. Der Appell an die Öffentlichkeit verfehlte seine Wirkung nicht. Bald sass ein Neutäufer im Wilchinger Gemeinderat. Als 1848 die erste Bundesverfassung in Kraft trat und die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantierte, mögen Verfolgte und Bedrängte in der ganzen Schweiz aufgeatmet haben.

Übernommen und leicht überarbeitet von Georg Radecke,

Stefan Kym