Editorial Juli und August

Wir sitzen alle im selben Boot


«Wir sitzen alle im selben Boot» - das haben sich wahrscheinlich auch die Jünger gedacht, in der bekannten Geschichte aus Matthäus 8, 24-26, als sie in einen Sturm gerieten. Da steigen sie mit Jesus in ein Boot, dann kommt dieser Sturm auf, welcher offenbar sogar die Fischer unter den Jüngern, die sicher nicht zum ersten Mal Wind und Wetter ausgesetzt waren, zu Tode ängstigt und Jesus… der schläft. Offenbar völlig unbeeindruckt vom ganzen Tohuwabohu rundherum. Sie wecken ihn auf und was macht Jesus? Bevor er den Sturm stillt? Er staucht sie zusammen! Ja, er bemängelt ihren Kleinglauben und rügt ihre Angst. Ist das denn fair? Ich meine da war offensichtlich eine echt gefährliche Situation und Jesus nörgelt an den Jüngern herum? Warum das denn? Hätte er nicht sagen sollen: «Leute, gut dass ihr mich geweckt habt, Momentchen, ich löse das Problem für euch!» Oder war er vielleicht einfach nur grummelig, weil sie ihn aus dem Schlaf gerissen haben?

Offensichtlich hatte Jesus eine andere Erwartung an seine Jünger. Er fragt sie, warum sie Angst hatten und weshalb sie keinen grösseren Glauben hätten. Ja wie gross muss denn der Glaube noch sein? Ich meine immerhin haben sie Jesus geweckt, sie haben doch ihren Glauben in die richtige Person gesetzt. Ich habe dazu eine Hypothese: War die Erwartung Jesu vielleicht, dass sie selbst den Sturm stillen? Dass sie ihn nicht wecken müssten, sondern sich dessen bewusstwurden, was Jesus in ihnen bereits angelegt hatte? Tja, das sind natürlich Mutmassungen, wir wissen es nicht, weil die Bibel sich darüber ausschweigt, und es nunmal so und nicht anders passiert ist. Aber ich finden den Gedanken inspirierend.

Wenn wir in eine kleinere oder grössere Krise geraten (ich sage jetzt bewusst nicht Corona… aber durchaus, das zählt dazu), wie verhalten wir uns darin? Natürlich beten wir, hoffen, dass Gott in unserer Krise wirkt und uns herausholt – und das dürfen wir auch – aber könnte es nicht manchmal auch sein, dass Gott das Problem nicht für uns, sondern durch uns lösen möchte? Versteht mich nicht falsch, ich rede nicht davon, dass wir aufhören uns auf Gott zu verlassen und plötzlich alles alleine machen möchten, das kommt garantiert nicht gut! Aber wenn Stürme in unser Leben kommen – und sie kommen – und wir sehen Jesus neben uns schlafen, dann tut er das nicht, weil er nicht mitkriegt, was gerade abgeht. Er ist Gott, er weiss alles, er sieht was passiert. Aber vielleicht ist darin auch eine Aufforderung für uns: «Verlass dich auf das, was ich dir bereits gegeben habe! Ich bin bei dir! Ich traue dir das zu.». So ähnlich, wie ich bei meinem 2 jährigen Sohn, der alleine die Strasse überqueren möchte, sofort hinrennen und ihn schützen würde, aber bei meinem 20 jährigen Sohn, da vertraue ich darauf, dass er das alleine kann und zwar, weil ich es ihm beigebracht habe.

Ich sage nicht, dass wir so mit allen Problemen in unserem Leben umgehen können. Aber ich glaube, dass wir durchaus in jenen Dingen (weiter-) laufen dürfen, die Gott uns beigebracht hat, auch wenn es beginnt zu stürmen. Wir reagieren auf Gott und seine Weisung, nicht auf den Sturm, der uns droht. Wir nehmen ihn wahr, aber er ist nicht unser Fokus, sondern Jesus. Er lässt uns nie allein – selbst im Sturm da ist er unser Ruhepol, wie er es bei den Jüngern war. Wir dürfen uns auf ihn verlassen.

Michael Kämpf